Analytik
Tandem-MS (MS/MS): die Sequenz über Fragmente bestätigen
Eine korrekte Molekülmasse ist ein starkes Indiz, aber kein Beweis für die richtige Sequenz. Zwei Peptide aus denselben Aminosäuren in anderer Reihenfolge haben exakt dieselbe Masse — ein vertauschtes Paar oder eine verschobene Modifikation bleibt in einer einfachen Massenmessung unsichtbar. Die Tandem-Massenspektrometrie, kurz MS/MS, schließt diese Lücke, indem sie das Molekül gezielt zerlegt und die Bruchstücke wiegt.
Das Prinzip: auswählen, zerlegen, messen
Ein Tandem-Massenspektrometer arbeitet in zwei Stufen. Die erste Stufe isoliert aus allen Ionen, die aus der Probe kommen, genau eines — typischerweise das Molekülion des gesuchten Peptids in einem bestimmten Ladungszustand. Dieses Ion wird anschließend in einer Kollisionszelle mit einem inerten Gas zusammengestoßen und zerbricht. Die zweite Stufe misst die Massen der entstandenen Fragmente.
Der entscheidende Punkt: Peptide brechen nicht zufällig. Bei der verbreiteten stoßinduzierten Fragmentierung (CID, HCD) reißt die Kette bevorzugt an den Peptidbindungen des Rückgrats. Dadurch entsteht eine Leiter aus Bruchstücken, deren Sprossen jeweils um eine Aminosäure auseinanderliegen.
b- und y-Ionen lesen
Bricht eine Peptidbindung, entstehen zwei Teile. Behält das Stück mit dem N-Terminus die Ladung, spricht man von einem b-Ion, behält das Stück mit dem C-Terminus die Ladung, von einem y-Ion. Nummeriert werden sie nach der Zahl der enthaltenen Aminosäuren: b2 enthält die ersten beiden Reste, y3 die letzten drei.
Die Sequenz ergibt sich aus den Abständen. Liegt zwischen b3 und b4 eine Massendifferenz von 57,02 Da, ist der vierte Rest Glycin; bei 128,09 Da ist es Lysin, bei 128,06 Da Glutamin. Gerade dieses Beispiel zeigt, warum die Massengenauigkeit des Geräts zählt: Lysin und Glutamin unterscheiden sich um nur 0,036 Da und sind nur mit hochauflösenden Geräten sicher zu trennen.
Eine vollständige Sequenzbestätigung verlangt nicht, dass jedes einzelne Fragment auftaucht. In der Praxis gilt eine Sequenz als gut belegt, wenn b- und y-Serien zusammen den größten Teil der Bindungen abdecken und sich widerspruchsfrei ergänzen.
Was MS/MS findet, was die HPLC übersieht
Tandem-MS ist besonders wertvoll bei Verunreinigungen, die dieselbe oder fast dieselbe Masse wie das Zielpeptid haben:
- Umlagerungen und Vertauschungen zweier Reste, die in der Gesamtmasse nicht auffallen.
- Positionsisomere von Modifikationen, etwa eine Oxidation an einem anderen Methionin als erwartet — die Massenzunahme von 16 Da ist dieselbe, die Fragmente verraten die Stelle.
- Deamidierung: Die Umwandlung von Asparagin in Asparaginsäure erhöht die Masse um nur 0,98 Da. MS/MS zeigt, welcher Rest betroffen ist. Mehr dazu im Beitrag Deamidierung von Asparagin und Glutamin.
- Deletionen eines einzelnen Rests, die als Nebenpeak auftauchen und über ihre Fragmentleiter eindeutig zugeordnet werden können — siehe Nebenpeaks im Chromatogramm.
Grenzen der Methode
MS/MS hat blinde Flecken, die man kennen sollte, bevor man einem Befund zu viel zutraut:
- Leucin und Isoleucin sind isobar, also exakt gleich schwer. Stoßinduzierte Fragmentierung unterscheidet sie nicht.
- Stereochemie bleibt unsichtbar. Eine D-Aminosäure an Stelle einer L-Aminosäure ändert die Masse nicht; dafür braucht es chirale Chromatographie oder enzymatische Tests. Warum das relevant ist, erklärt der Beitrag zur Racemisierung.
- Zyklische und stark modifizierte Peptide fragmentieren weniger regelmäßig. Disulfidbrücken, Lactamringe oder Fettsäureketten erzeugen komplexe Spektren, die sich nicht wie eine Leiter lesen lassen.
- Sehr kurze Peptide liefern nur wenige Fragmente. Bei einem Tripeptid ist die Aussagekraft der Leiter naturgemäß begrenzt.
MS/MS im Kontext der übrigen Prüfungen
Tandem-MS ersetzt weder die HPLC-Reinheit noch die einfache Identitätsprüfung über die Molekülmasse, sondern ergänzt sie. Die HPLC beantwortet, wie viel Nebenprodukt vorliegt; die LC-MS mit intakter Masse, ob das Hauptprodukt die richtige Masse hat; MS/MS, ob die Reihenfolge stimmt und wo eine Modifikation sitzt. Die Grundlagen der Massenmessung stehen im Beitrag LC-MS-Identitätsprüfung.
Für die Beurteilung eines Analysezertifikats heißt das: Eine Angabe wie „Identität bestätigt (MS)“ meint fast immer die intakte Masse. Wer eine Sequenzbestätigung braucht — etwa bei einem Material, dessen Isomere synthetisch naheliegen —, sollte gezielt nach Fragmentdaten fragen und nicht davon ausgehen, dass sie Teil der Routineprüfung sind.
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Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen MS und MS/MS?
Eine einfache MS-Messung bestimmt die Masse des intakten Moleküls. Bei MS/MS wird ein ausgewähltes Ion zusätzlich zerlegt und die Masse der Bruchstücke gemessen. Erst die Fragmente verraten, in welcher Reihenfolge die Aminosäuren verknüpft sind.
Was sind b- und y-Ionen?
Bruchstücke, die entstehen, wenn die Peptidkette an einer Peptidbindung bricht. b-Ionen enthalten den N-Terminus, y-Ionen den C-Terminus. Die Massendifferenz zwischen zwei benachbarten Ionen einer Serie entspricht genau einer Aminosäure.
Kann MS/MS Leucin und Isoleucin unterscheiden?
Mit den üblichen Fragmentierungsverfahren nicht, weil beide exakt dieselbe Masse haben. Dafür sind spezielle Techniken oder orthogonale Methoden nötig — ein Grund, warum Sequenzangaben immer auf der Syntheseplanung und nicht allein auf dem Spektrum beruhen.